Magie des Lesens (2)


 weiß. Ungeheuerlich ist die Wirkung des geschriebenen Wortes, weil es auf magische Weise das Wort schlechthin im inneren Ohr des Lesers erklingen läßt; die Sprache aber ist des Menschen höchstes Gut, ist das eigentlich Menschliche an ihm. Durch sie, die seine Gedanken ordnet, bringt er Ordnung und Sinn in sein Leben, durch sie empfängt er die Mitwelt, durch sie teilt er sich den Anderen mit. Flugschriften und kleine Bücher haben oft genug den Gang der Weltgeschichte verändert, mit wenigen Zeilen oder Seiten nur, weil sie große Gedanken aussprachen, und alle Diktaturen haben Bücher verbrennen lassen, weil sie die Gewalt des gedruckten Wortes fürchteten. Sie wußten, daß der Mensch

aus dem Buch die Wahrheit holt und sie sich zu eigen macht - wie jener Johannes der Apokalypse, dem befohlen wird, das heilige Buch zu verschlingen, damit es in ihm lebe. Der Mensch hat den Hang, sich verzaubern zu lassen, aus seinem kleinen, individuellen Leben herauszugelangen und teilzuhaben am großen Welttheater, am Weltkonzert, damit er erfahre, wie reich das Leben und welcher Leistungen die Menschheit fähig ist. Er geht ins Schauspiel, ins Lichtspiel, er berauscht sich an der Musik und auch wohl am Wein, der seiner Phantasie Schwingen verleiht. Er bedient sich aller möglichen Zaubermittel, bequemer und unbequemer, und vergißt darüber mitunter, daß die größte Zauberkraft der Erde ins Buch

gebannt ist und mit einem einzigen Handgriff gelöst werden kann. Keine Beschwörungen sind nötig, keine Siegel zu zerbrechen: Du, Leser, schlägst das Buch auf, beginnst zu lesen - und schon nach zwei, drei Sätzen bist du in einer Gegend des Geistes, der Poesie, in die zu reisen es dich gelüstete. Das große, das schöne oder gewagte Abenteuer: im Buch wartet es auf dich. Derweil die Anderen Karten spielen und kegeln und töricht über Politik reden, bist du rund um die Erde geflogen und hast vielleicht unterwegs einen Blick in den Himmel getan.

(1954)